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Comic: GADO für JournAfrica! Comic: GADO für JournAfrica!

Journalismus aus afrikanischen Ländern nach Deutschland gebracht

geschrieben von  Anne Schicht und Philipp Lemmerich Aug 21, 2015

Ein Interview mit Philipp Lemmerich in Leipzig zur Onlineplattform JournAfrica!

Fairquer: Was macht „JournAfrica!“?

Philipp Lemmerich: JournAfrica! ist eine Online-Plattform, auf der Medienberichte aus afrikanischen Ländern gesammelt und ins Deutsche übertragen werden. Entstanden ist das Projekt aus einer Frustration über den deutschen Medienmarkt heraus, über die deutsche Berichterstattung über afrikanische Länder. Aus vielen Ländern Afrikas hört man wenig oder gar nichts, aus allen anderen meistens nur Schlechtes. Wir sind am 30. November online gegangen, und seitdem hat sich ein kleines aber recht stattliches Netzwerk an Journalisten um uns herum gebildet, mit denen wir regelmäßig zusammenarbeiten. Am Anfang haben wir andere Plattformen gescannt, nach Artikeln gesucht, die wir potentiell für veröffentlichungswürdig hielten. Es gibt im englisch- und französischsprachigen Afrika viele Plattformen, die auch online Nachrichtenberichte publizieren. Es gibt allerdings auch aus dem außereuropäischen Ausland einige Plattformen, die sich auf die Berichterstattung aus Afrika konzentrieren. Wir haben da interessante Artikel und interessante Themen gesucht und die entsprechenden Autoren über alle möglichen Kanäle angeschrieben, die wir finden konnten. Die Journalisten, mit denen ihr arbeitet, sind also auf dem afrikanischen Kontinent zu Hause? Genau, sie sind in den Ländern zu Hause, über die sie schreiben. Es ist uns sehr wichtig, dass nicht wieder Leute mit einem Blick von außen berichten, sondern wir wollen die Perspektive von innen heraus zeigen.

Und wie streng seid ihr da? Wenn jetzt z.B. Simone aus Leipzig einen Artikel schreibt mit jemandem aus Burkina Faso, würde das noch gehen? Oder ist das schon zu sehr “Blick von außen”?

Wir hatten am Anfang überlegt, ob wir sehr streng sind, aber wir haben recht schnell bemerkt, dass das unhaltbar ist. Es gehen uns dadurch viele interessante Leute und viele interessante Themen durch die Lappen. Wenn Deutsche oder allgemein Europäer über afrikanische Themen berichten wollen, dann ist es uns sehr wichtig, dass sie kooperieren mit Journalisten vor Ort. Das hat auch Vorteile. Wir, die deutschen Leser, sind eben innerhalb eines bestimmten Mediensystems sozialisiert und wollen immer genau das konsumieren. Journalisten aus afrikanischen Ländern schreiben anders, und das lässt sich manchmal schlecht in die hiesigen Strukturen einpassen. Für viele Themen ist auch gerade eine transnationale Perspektive besonders spannend.

Wo genau liegen denn die Unterschiede? Wie „liest“ denn der typisch deutsche Nutzer?

Uns ist aufgefallen, dass viele Kommentare von afrikanischen Journalisten geschrieben werden, also eine Gesamtsituation wird aus einer sehr persönlichen Perspektive eingeschätzt. Hierzulande möchten wir eine möglichst objektive Berichterstattung haben. Allein der Schreibstil ist ein ganz anderer, wenn jemand den Anspruch hat, möglichst objektiv zu sein und Dinge objektiv darzustellen, oder wenn jemand eine sehr subjektive Sichtweise einnimmt. Und subjektive Sichtweisen lassen sich immer leichter dekonstruieren, es lässt sich auch viel leichter dagegen argumentieren als bei vermeintlichen Tatsachenberichten.

Welche Menschen stehen überhaupt hinter „JournAfrica!“? Gibt es noch andere als die Journalisten?

Die bis jetzt ungefähr 30 Journalisten haben wir gezielt gesucht, aber sie haben ja die Initiative nicht gegründet. Wir sind ein Team an der Schnittstelle zwischen Journalismus, Afrikanistik und Politikwissenschaft. Wir sind recht jung, also alle zwischen Anfang 20 und Anfang 30, manche studieren noch, manche sind gerade fertig. Wir haben Anfang Mai letzten Jahres angefangen mit einem Aktionstag voller Workshops hier an der Uni. Dieser Tag ging auch schon konkret darum, Konzepte zu erstellen, wie so eine Medienplattform funktionieren und aussehen kann. Viele Leute, die daran teilgenommen haben, sind dabei geblieben.

Und wie groß ist euer Team?

Wir sind ungefähr 15. Es variiert, wer was macht. In der Redaktion sind die meisten Leute, da müssen Artikel gescannt, Kontakte zu Journalisten geknüpft, nach Themen Ausschau gehalten werden. Wir debattieren online, welche Artikel wir nehmen, ehe der Text übersetzt werden kann.

Habt ihr auch jemanden, der die Artikel online stellt und layoutet?

Wir haben einen Webarchitekten, Moritz Peikert aus Leipzig, der uns ein Content Management System gebaut und gelayoutet hat. Das Hochstellen selber ist wirklich super easy. Wie viel Zeit verbringst du mit „JournAfrica!“? Lacht. Heikle Frage. Momentan will ich eigentlich gar keine Zeit damit verbringen, weil ich endlich mal meine Masterarbeit schreiben muss, das musst du aber nicht in den Artikel schreiben (zu spät - Anm. d. Red.). Ich hatte eine Zeit, so bis Mitte Februar, da war ich drei Monate Vollzeit damit beschäftigt, und seitdem zehn Stunden die Woche. Und wenn ich mit der Masterarbeit fertig bin, ab Sommer, dann definitiv wieder Vollzeit. Momentan sind noch zwei andere Leute dabei, die sich darum kümmern, eine Finanzierung auf die Beine zu stellen. Wir wollen versuchen, JournAfrica! zu unserem Beruf zu machen, um davon leben und möglichst professionell arbeiten zu können.

Habt ihr auch Anfragen von größeren Zeitschriften nach euren Artikeln?

Wir haben jetzt brandneu eine Kooperation mit der Frankfurter Rundschau. Die nehmen einmal im Monat einen Artikel von uns. Und wir haben sonst noch mit dem Afrikaverein der Deutschen Wirtschaft eine Kooperation, die nehmen auch einen Artikel von uns alle zwei Monate. Und das ganze soll natürlich noch ausgebaut werden.

Ich kann mir schon vorstellen, dass es da einen echten Bedarf gibt!

Auf der einen Seite ist der deutsche Journalismus überhaupt nicht darauf vorbereitet, Afrika irgendwie abzudecken. Alle großen Zeitungen haben ihre Korrespondentenstellen weiter abgebaut. Auf der anderen Seite soll sich die Afrikapolitik ja ändern. Ich bin eigentlich schon der Meinung, dass sich in den nächsten fünf oder zehn Jahren etwas ändern wird, in der Auffassung und der Wahrnehmung.

Wie kommst du darauf, dass sich das Bild in den nächsten fünf bis zehn Jahren ändern wird?

Das hören wir immer wieder aus dem BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Aber auch wirtschaftliche Initiativen sagen das. Wir sind im Kontakt mit der IHK, besonders mit der IHK Niedersachsen, die momentan einen Afrikaschwerpunkt plant. Afrika ist der einzige Wachstumsmarkt global gesehen. Alle anderen Weltregionen sind schon abgedeckt.

Was müsste heute passieren, damit das ein super erfolgreicher Tag für JournAfrica! wird?

Ok, wir unterscheiden mal zwischen erfolgreich und supererfolgreich. Erfolgreich ist immer, wenn wir einen richtig guten Artikel in Aussicht haben und den verwenden dürfen. 

Woran scheitert es, den nicht zu bekommen?

Wir haben einen Rahmenvertrag ausgearbeitet, da geht’s um urheberrechtliche Bestimmungen. Der ist dann übersetzt worden in mehrere Sprachen. Das Problem ist, der klingt sehr verklausuliert und bürokratisch. Ich würde sagen, ein gutes Drittel der Journalisten, die Interesse äußern an unserem Projekt, die melden sich dann nach der Vertragszuschickung nicht mehr. Und wir sind jetzt am Schauen mit unserer Rechtsberatung, wie man das ändern kann. Und sehr erfolgreiche Tage sind solche Tage, die unser Projekt wirklich langfristig weiterbringen. Ich hab´ ja die ganze Zeit die Frage im Kopf, wie es wirklich weitergeht und wie wir eine Stabilität hinbekommen. Oder das Beispiel mit der Frankfurter Rundschau. Das ist natürlich ein großer Name, der jetzt dabei steht, auf den wir verweisen können. Da wird dann auch schon mal ´ne Flasche Sekt geöffnet.

Welche Artikel magst du besonders?

Was ich sehr, sehr schön finde, sind Leute, die reportagig schreiben, die rausgehen auf die Straße und wirklich Stimmungen einfangen. Wir haben einen Journalisten - Umbo Salama aus dem Ostkongo - den mag ich ganz besonders, weil er einfach Stimmen zu einem Thema sammelt und daraus einen Artikel macht, der dann auch ganz plastisch und anschaulich wird. Und was ich sonst auch sehr gerne mag, sind solche Artikel, die man in Deutschland vielleicht eher im Feuilleton findet. Artikel, die Debatten aufgreifen, über Nord und Süd, so was mag ich gerne. Auch wenn das keine Publikumsmagneten sein werden.

Was sind denn Publikumsmagneten?

Publikumsmagneten sind Texte, die entweder auf aktuelle Diskurse aufspringen wie jetzt gerade die Flüchtlingspolitik oder die einfach in der Lebenswelt der Rezipienten eine Rolle spielen. Wir hatten vor einigen Wochen einen Artikel, der sich mit binationalen Partnerschaften beschäftigt hat. Da gingen die Zugriffszahlen auf einmal durch die Decke, weil die Leute sich darin wiederfinden.

Wenn du Alleinherrscher wärst, du könntest die Geschicke der Welt bestimmen, du musst auf keine anderen Rücksicht nehmen, was würdest du machen? Wo würdest Du anfangen?

Also, ich würde zuerst ein Expertengremium einberufen, das mich dabei unterstützt, Entscheidungen zu treffen. Ich selber bin ja Politikwissenschaftler, ich würde also versuchen, zunächst alles so weit stabil zu halten, und dann im nächsten Schritt mit dem Expertengremium eine Alternative entwickeln. Wir würden versuchen, ein System aufzustellen, das mehr Teilhabe, Selbstbestimmung und Partizipation ermöglicht – so schwer das auch sein mag. Und ich würde sämtliche Konzernchefs weltweit verpflichten, Lehrbücher für Sustainable Development oder Solidarische Ökonomie zu lesen und davon dann auch etwas umzusetzen. Und wann ist es jetzt soweit?

Was wünscht ihr euch vom ENS und von den anderen Initiativen für eure Plattform?

Ich wünsche mir, dass möglichst viele Leute aus dem Netzwerk und aus den Initiativen unser Angebot nutzen, da regelmäßig draufschauen, die Artikel lesen. Und dann wünsche ich mir Rückmeldungen und Ideen zur Seite. Wir haben zwar momentan schon ein sichtbares Produkt, aber das heißt ja nicht, dass wir auf dieses Produkt festgelegt sind, sondern wir sind noch am Anfang und sehr flexibel. Ich fände es schön, wenn unsere Inhalte in den Bildungsprogrammen der anderen Vereine irgendwie eine Rolle spielen, die Artikel genutzt werden, in den Workshops darauf verwiesen wird. Ich würde auch gerne eine Debatte am Laufen halten über Afrikabilder im Allgemeinen. Denn ich glaube, es gibt da auch himmelweite Unterschiede im Bereich der politischen Bildung. Es gibt Initiativen und Vereine, die setzen sich damit ganz stark und ganz kritisch auseinander, und andere tun das nicht. Netzwerke zu nutzen, in Europa wie auch in Afrika, das ist, was wir mit hineinbringen können ins Netzwerk.

Danke für das Gespräch!

Mehr findet sich hier: www.journafrica.org

 

Letzte Änderung am Dienstag, 15 September 2015 10:52

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