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Interviews zur Umsetzung von Globalem Lernen in Workshops

geschrieben von  Jan 21, 2015

Über die Umsetzung von Globalem Lernen in Workshops sprachen wir mit Anja Rammer. Die 33- Jährige arbeitet seit Oktober 2010 als Bildungsreferentin und Koordinatorin der Bildungsstelle des aha – anders handeln e.V.. Von Kindergartenkindern bis Senioren betreut sie Teilnehmer_innen in Nichtregierungs-Workshops (NRO-Workshops). Hauptteilnehmer_innen sind dabei Schulklassen von Oberschulen und Gymnasien der Sek I und II:

Sascha Kornek: Warum finden Ihrer Einschätzung nach Workshops mit NROs als Unterrichtsergänzung überhaupt statt?

Anja Rammer: Es sind sehr viele Themen wie Globalisierung, Fairer Handel, Konsum, die jetzt im Lehrplan mit drin sind. Die aber von vielen Lehrern gar nicht abgedeckt werden können, weil sie sich nicht in jedem Gebiet tief auskennen.

S.K.: Was ist der Mehrwert solcher Angebote im Vergleich zum Schulunterricht?

A.R.: Unser Angebot bietet einen Unterschied zum Frontalunterricht. Es kommt oft die Begründung der Lehrer, „die Kinder wollen auch mal rauskommen. Die wollen auch mal was anderes sehen als immer nur Schulräume. Und die wollen auch mal Stoff von anderen vermittelt bekommen und nicht immer nur vom Lehrer, sondern auch von Leuten, die Experten auf ihrem Gebiet sind und das methodisch ganz anderes aufbereiten können, als das der Lehrer kann“.

S.K.: Behandeln NRO-Workshops Inhalte/Themen, die in der Form im Lehrplan nicht vorgesehen sind oder mit den normalen Unterrichtsmaterialien nicht vermittelt werden können?

A.R.: Das würde ich so nicht behaupten. Es könnte abgedeckt werden. Vom Lehrplan her ginge das schon, es gibt ja diese ganz großen Themenbereiche. Fairer Handel taucht z.B. auch mal ganz kurz auf. Die Themen sind also teilweise vorgesehen, aber es gibt Lehrer, die da tiefer reingehen wollen. Wo auch die Schüler teilweise nachfragen, weil sie tiefer ins Thema reingehen wollen. Das Schulbuch Geographie ist aber nicht dafür aufgebaut, da in die Tiefe zu gehen bei Globalem Konsum und so weiter. Diese thematische Tiefe kann man sich dann über die NROs in den Unterricht holen.

S.K.: Nutzen NROs besondere Methoden, die in einer normalen Unterrichtsstunde nicht angeboten werden können?

A.R.: Ja. Wir setzten auf Interaktion. Es wird stärker angeregt selbst nachzuforschen, nachzulesen. Oder die Themen auch mal spielerisch umzusetzen. Alles mit Methoden, die in Workshops bereits erprobt sind und die im Unterricht weniger stattfinden. Wir hören das auch von Lehrern: „Wir wollen mal was anderes machen. Wir wollen das methodisch aufarbeiten und nicht bloß das Wissen an sich vermitteln.“ Dabei passen wir unsere Methoden selbstverständlich an die Zielgruppen an. Das Thema Fairer Handel wird in der Grundschule anders behandelt als in der Sek II Gymnasium.

S.K.: Ihr kennt die Klasse ja vorher noch nicht. Holt ihr Euch da vom Lehrer vorab ein Feedback zur Klassenleistung?Zur Disziplin oder Konsumorientierung der Schüler?

A.R.: Teil Teils. Es gibt einige Lehrer, die uns da schon vorab Informationen geben. Das Vorwissen fragen wir grundsätzlich bei den Lehrern ab. Aber der Rest ist dann Überraschung. Wir sind aber mit den Referenten so gut geschult, dass sie über bestimmte Methoden, mit verschiedensten Situationen in der Klasse zurechtkommen. Wenn wir zum Beispiel das Gefühl haben die Klasse braucht eine Auflockerungsübung bauen wir in unser Programm einen „Energizer“ ein.

S.K.: Welche der folgenden Aspekte stellen Ihrer Meinung nach Besonderheiten von NRO-Workshopleiter_innen dar?

A.R.: Zum einen sind wir sehr gut qualifiziert. In der Regel wissen wir mehr über das Thema, was wir mitbringen und sind gleichzeitig auch pädagogisch gut geschult. Vor allem auch wenn man authentisch dabei ist. Das macht schon viel aus. Nicht immer die „Autoritätsperson“ heraushängen zu lassen, sondern etwas auf die Ebene der Schüler zu gehen.

S.K.: Kann eine den Schülern bekannte Lehrperson den Workshop nicht anbieten / den Stoff nicht auf die gleiche Weise vermitteln?

A.R.: Da wir uns ja kontinuierlich weiterbilden und das nun mal unser Hauptfeld ist, ist da schon eine Differenz. Oder auch bei der Methodenanwendung - da steckt nun mal jahrelange Erfahrung dahinter. Auch die Ausstrahlung von Referenten spielt eine Rolle.

S.K.: Wie sind die Rückmeldungen auf die Veranstaltungen?

A.R.: Vielleicht ändert sich nicht gleich nach der Veranstaltung etwas, aber dass es diesen Impuls gibt und dieser dann Jahre später wieder hochkommt á la „Das hatte ich doch schon mal! Da beschäftige ich mich jetzt mal tiefer damit. Jetzt bin ich soweit! Das habe ich schon mal gehört, das fand ich damals interessant.“ Das haben wir öfters als Rückmeldung. Auch einige Referenten von uns sind ehemalige Schüler, die sich an unseren Impuls damals in ihrem Unterricht erinnert haben.

S.K.: Hat die Projektform auch Nachteile?

A.R.: Es gibt definitiv auch wichtige Nachteile. So nehmen uns Lehrer als Ergänzung in ihren Unterricht auf, vertiefen die Themen dann aber selbst in ihrem Unterricht nicht mehr weiter. Es bleibt nach der Veranstaltung von 3-4 Stunden im Raum stehen. Auch danach oder davor hat man keinen Einfluss darauf, was passiert. Es bleibt beim punktuellen Impuls.


Die Interviews fanden ihm Rahmen einer Forschungsarbeit zu Bildung für nachhaltigen Konsum durch Kooperationen zwischen Schulen und NROs statt. Die Untersuchung wird von Sascha Kornek vom Sukuma arts e.V. aus Dresden unter Betreuung von Professor Dr. Ulf Schrader vom Fachgebiet Arbeitslehre/ Ökonomie und Nachhaltiger Konsum der TUBerlin umgesetzt.


Doreen Schilde ist Lehrerin für Deutsch und Kunst. Zusätzlich gibt sie Workshops und kennt so beide Seiten: Sie hat sowohl schon selbst Experten in ihrer Schulklassen eingeladen und auch selbst Workshops geleitet. Sascha Kornek hat mit der 37-Jährigen gesprochen.

Sascha Kornek: Worin besteht für Sie der Mehrwert von Angeboten wie Workshops mit Vereinen im Vergleich zum Schulunterricht?

Doreen Schilde: Ich finde die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern sehr hilfreich. Die Fachkompetenz der Workshop-Leiter ist dabei ein wichtiges Kriterium. Außerdem sind die Workshops eine Möglichkeit, um die Verbindung zwischen Schule und dem Leben „draußen“ herzustellen. Die Schüler können so auch lernen, dass die Kompetenzen, die sie in der Schule vermittelt bekommen, auch wichtig für das Leben sind. Die Schüler arbeiten dann anders…

S.K.: Nutzen Nichtregierungsorganisationen (NRO) besondere Methoden, die in einer normalen Unterrichtsstunde nicht angeboten werden können?

D.S.: Manchmal ja, aber nicht immer. Es gab auch schon Rückmeldungen, zum Beispiel von Berufsfachschülern, wie „Warum haben wir die jetzt eingeladen? Das hätten wir auch selbst machen können...“. Das habe ich nicht so gesehen. Besonders herausragend finde ich dabei Planspiele. Die können wir im regulären Unterricht so nicht durchführen, haben einen super Effekt bei Schülern. Da braucht man in jedem Fall eine Fachkraft, deren Kompetenz und Auftreten aber das Entscheidende sind. Denn die Methode rechtfertigt den Einsatz nicht, die Erfahrung habe ich besonders bei den Methodenkoffern mit ihren Zettelchen gemacht. Zumal diese Arbeitsweisen im Unterricht mittlerweile ohnehin anzutreffen sind. Komplexere Methoden benötigen aber eher die externe Fachkraft.

S.K.: Was stellt Ihrer Meinung nach Besonderheiten von NROWorkshopleiter( innen) dar?

D.S.: Hinsichtlich der Workshop-Themen wissen sie einfach mehr und sind inhaltlich tiefer drin. Oft sind das spezielle Inhalte sind, mit denen man sich als Lehrer in der Schule kaum befassen kann, ich denke da an meine Fächer Kunst und Deutsch. Wer sich professionell oder im Verein mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt, hat da einen tieferen Einblick und kann ihm eine ganz andere Relevanz geben

S.K.: Wie schätzen sie die pädagogischen Fähigkeiten der Workshopleiter(innen) ein?

D.S.: Es gibt Unterschiede. Manchmal bin ich ein bisschen unzufrieden mit der Erwartungshaltung der Workshopleiter an die Schüler. Ich würde sagen, die pädagogische Kompetenz, was die Methodenauswahl angeht, ist manchmal nicht ausreichend. Es gibt eine große Methodenvielfalt und tolle Umsetzungsideen. Aber die Voraussetzung ist immer, dass die Schüler zuhören. Wenn das nicht gegeben ist oder wenn man unerwartete Einfälle der Schüler hat, funktioniert das eben nicht immer reibungslos. Besonders im Bereich Nachhaltigkeit stellen die Schüler manchmal ganz kritische Fragen, damit muss man umgehen können. Das Wichtigste bei einem Workshop ist die Person mit ihrer Authentizität, ihrem Expertentum, ihrer Ausstrahlung und erst dann kommt das Material dazu.

S.K.: Kann eine den Schülern bekannte Lehrperson den Workshop nicht gleichermaßen anbieten und den Stoff ebenso vermitteln?

D.S.: Experten sind hier schon wichtig. Qualifikation und Glaubwürdigkeit spielen hier eine entscheidende Rolle. Und es hat auch mit Interesse an dem eigenen Fach zu tun. Ich kann mich bestimmt auch als fachfremde Lehrerin in Biologie in einer fünften Klasse hinstellen und denen einen Fisch auseinandernehmen. Aber ich werde niemals diesen Enthusiasmus einer Biologielehrerin mitbringen, die ihr Fach liebt. Und ich kann auch gar nicht so schnell auf Neues reagieren, und hier und dort noch eine Anekdote einschieben oder auf alle Fragen eingehen. Deswegen ist der Experte schon wichtig!

S.K.: Gibt es weitere wichtige Faktoren, die NRO-Workshops von einer normalen Unterrichtseinheit unterscheiden?

D.S.: Das Schöne an Workshops finde ich auch - wenn man die ganztags durchführt - dass die so lange dauern, wie sie eben dauern. Die Unterrichtseinheit ist immer so schnell zu Ende. Und beim Workshop beschäftigt man sich möglicherweise in kleineren Arbeitsgruppen mit einem größeren Thema. Es ist eine ganzheitlichere Sache, die nicht so unter einem Zeitdiktat steht. Ein Vorteil ist auch, dass die Schüler beim Workshop überprüfen können, wie kommuniziere ich mit anderen Erwachsenen außerhalb der Lehrerschaft. Und der Alltagsbezug ist ein Vorteil.

S.K.: Gibt es auch Nachteile des Workshopformats?

D.S.: Ein Nachteil ist natürlich, dass die Workshops nur einmal stattfinden und man die Workshop-Leiter nur einmal sieht. Da kommt es darauf an, wie es an diesem einen Tag läuft. Man kann die Workshopleiter vorher nicht wirklich kennenlernen, es gibt keine Vor- oder Nachbereitung. Der Lehrer kann freilich eine kleine Nachbereitung machen, aber es ist nicht in den Unterricht integriert. Für die Schüler wäre es besser, und es wäre vor allem nachhaltiger, wenn man regelmäßig etwas machen würde. Zum Beispiel man trifft sich einen Monat lang jede Woche montags.

S.K.: Was spricht dagegen, dies regelmäßig zu tun?

D.S.: Es spricht eigentlich nichts dagegen. Man muss nur die richtigen Lehrer finden, mit denen man alles machen kann. (lacht)

S.K.: Ist der Lehrplan zeitlich so eng und vollgepresst, dass man so etwas nicht machen könnte oder nur mit sehr aufwändiger Planung?

D.S.: Es gibt Unterrichtsfächer, die haben einen ganz straffen Zeitplan. Mathe ist zum Beispiel so ein Fach, da höre ich von Kollegen, dass es kaum zu schaffen ist. In Ethik und Geographie, die dafür geeignet wären, sind die Lehrpläne sehr nach Themen aufgebaut. Anders in Deutsch, das sich an Kompetenzen orientiert. Hier ist viel Raum. Und auch in meinem zweiten Fach, Kunst, ist der Unterricht sehr frei.

S.K.: Warum haben Sie bisher noch keine längere Zusammenarbeit mit einem Verein umgesetzt, wenn Sie es für wichtig halten?

D.S.: Ich hatte zuletzt eine Fachabitur-Klasse. Da war zu wenig Zeit, weil es nicht im Lehrplan vorgesehen war und das Ziel „Abitur“ allen vor Augen stand. Aber jetzt, in der 5. und 6. Klasse, ist das etwas anderes. Dass es noch nicht passiert ist, liegt wohl an der Kurzfristigkeit der Planung im Schulalltag. Die ist ja am Schuljahresanfang noch nicht fertig. Beim Thema Kinderarbeit ist mir, als es so weit war, zum Beispiel aufgefallen: „Mensch, da hättest du doch jemanden einladen können.“ Aber so kurzfristig jemanden zu organisieren, ist wahrscheinlich eher schwierig.

S.K.: Vielen Dank für das Gespräch! 

Letzte Änderung am Donnerstag, 21 Mai 2015 22:05

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