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Inkonsequenz: Von Zwängen und Möglichkeiten

geschrieben von  Autor: Uwe Schnabel Nov 15, 2017

Viele Menschen wissen, dass das gegenwärtige Wirtschaftssystem die Umwelt zerstört, soziale Beziehungen schädigt und vielen Menschen ihre Lebensgrundlagen entzieht. Es gibt auch viele Ratschläge, was sie ändern können. Trotzdem handeln sie nicht entsprechend. Die Frage ist, warum? Darum soll es in diesem Text gehen.

Um keinen falschen Eindruck zu erzeugen:

Mir wird zwar nachgesagt, dass ich schon relativ konsequent lebe. Ich kaufe regional und saisonal und möglichst ökologisch bei Direktvermarktern und anderen kleinen Läden ein. Somit kaufe ich kaum in Supermärkten. Ich fahre meist mit öffentlichen Verkehrsmitteln (Straßenbahn, Zug, Bus), gehe oft zu Fuß und unternehme fast keine großen Reisen. Ich esse möglichst wenig Fleisch. Meinen Strom beziehe ich von einem Ökostromanbieter. Überhaupt versuche ich, alternative Wirtschaftskreisläufe zu fördern. Aber ich gehe einer Erwerbsarbeit nach. Diese wird auch für die Automobilindustrie, Rüstung und konventionelle Kraftwerke genutzt. Somit zahle ich auch Steuern, die auch für das Militär genutzt werden. Bei meinem Mittagessen frage ich nicht danach, woher die Rohstoffe kommen. Ich wohne zur Miete und nicht in einem Wohnprojekt. Ich nutze keine Umsonstläden oder Selbsthilfewerkstätten und auch nicht die solidarische Landwirtschaft. Somit lebe auch ich inkonsequent. Und somit betrifft die Frage nach den Ursachen auch mich persönlich.

Bei den Ursachen möchte ich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen/Ursachen von den psychologischen unterscheiden, obwohl beide miteinander zusammenhängen. Menschen müssen zuerst ihre Existenzgrundlagen sichern. Wegen der Eigentumsverhältnisse ist dies außerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystems bei uns nur schwer möglich. Selbst ein teilweiser Rückzug ist mit großem Aufwand verbunden und erfordert viele Ressourcen und ist somit für den ärmeren Teil der Bevölkerung unmöglich. Sozialleistungen sind unzureichend und an Bedingungen geknüpft, die die Einbindung in das Wirtschaftssystem sichern. Sie können auch entzogen werden. Deshalb sind die allermeisten Menschen gezwungen, einer Erwerbsarbeit nachzugehen bzw. zumindest sich um sie zu bemühen. Das hat mehrere Folgen. Wegen der Erwerbsarbeit haben wir weniger Zeit für unsere sonstigen Aktivitäten. Somit fehlt schlicht die Zeit, viele Dinge zu tun, die eigentlich notwendig wären. Hinzu kommt noch, dass wir somit eher Angebote nutzen, die mit geringerem Zeitaufwand verbunden sind. Weil Angebote alternativer Wirtschaftskreisläufe dünner gesät sind als die gewinnorientierten Angebote, nutzen wir häufiger Letztere. Ebenfalls können wir somit soziale Beziehungen weniger pflegen. Das führt zu deren Einschränkung. Weil wir auf die Erwerbsarbeit angewiesen sind, diese aber nur beschränkt vorhanden ist, verteidigen wir sie gegen andere, die sie ebenfalls wollen. Das führt zur Entsolidarisierung. Und selbst, wenn wir uns persönlich dem entziehen, sind wir vollauf damit beschäftigt, unsere Existenzgrundlagen zu sichern. Damit haben wir keine Zeit mehr, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu ändern, damit auch andere das einfacher leben können. Somit ist das nur eine individuelle Lösung, ohne das Gesamtproblem zu beeinflussen. Der Ressourcenverbrauch wird nur minimal verringert. Das kapitalistische Wirtschaftssystem wird nicht beeinträchtigt. Alternatives Verhalten wird nur insofern gefördert, dass Vorbilder vorhanden sind, an denen studiert werden kann, was möglich ist, was dabei zu beachten ist und wo es Probleme gibt.

Hinzu kommt noch, dass ein Großteil der Bildung und Medien bestenfalls Kritik am gegenwärtigen System übt und einige Sonderlinge beschreibt, die anders leben. Aber im Regelfall wird nicht vermittelt, wie einfach ein harmonischeres Leben mit anderen Menschen und der Natur verwirklicht werden kann. Da gibt es eher Angebote aus dem Bereich der Esoterik bzw. Angebote, die wieder gekauft werden müssen. Und die Werbung will sowieso Menschen zum Kaufen motivieren und sie damit fest in das Wirtschaftssystem einbinden. Überhaupt vermittelt das Wirtschaftssystem den Eindruck, es ist einfacher, sich anzupassen, als entsprechend der eigenen Überzeugung richtiger zu leben. Das geschieht durch eine Kombination aus materiellen Anreizen, Gewalt, psychischem Druck usw. Dieses System würde auch funktionieren, wenn alle dagegen wären, aber ein Großteil nicht an die Veränderbarkeit glaubt und auch deshalb mitmacht.

Aus dem Bisherigen sind schon viele psychologische Rahmenbedingungen/Ursachen ableitbar.

Die durch fehlende Zeit bedingte Einschränkung sozialer Beziehungen führt zu einem Mangel. Dieser wird einerseits durch Ersatzbefriedigungen versucht zu mildern, Diese sind im Regelfall mit Konsum verbunden, zum Beispiel legale und illegale Drogen, Fernsehen, Internetnutzung, aber auch Kaufverhalten Das hilft zwar nichts, kann aber kurzfristig betäuben und somit den Mangel nicht so spürbar werden lassen. Auch die Entsolidarisierung und der Leistungsdruck (Menschen sind angeblich nur etwas wert, wenn sie etwas leisten) führen zu sozialen Problemen und zum Druck, möglichst erfolgreich im System zu sein und möglichst wenig Rücksicht, insbesondere auf noch Benachteiligtere, zu nehmen. Der Mensch, wie auch viele Tiere, ist von Natur aus ein soziales Wesen. Deshalb ist es sinnvoll, Rücksicht auf die anderen zu nehmen. Bei uns wird dies aber in das Gegenteil verkehrt. Viele versuchen, sich anzupassen und mit dem Strom mitzuschwimmen. Oder sie ziehen sich in Nischen Gleichgesinnter zurück. Ein Spezialfall ist das Zusammenleben in der Familie oder im Freund*innenkreis. Eine Person kann versuchen, möglichst konsequent zu leben und dies auch im Zusammenleben zu verwirklichen. Aber wir alle sind auch vom herrschenden System beeinflusst. Das kann dazu führen, dass die übrigen Personen sich dagegen wehren. Oder sie machen mit, wenn sie zusammen sind. Wenn sie aber mit der mehr konsequent lebenden Person nicht zusammen sind, leben sie genau das Gegenteil. Hinzu kommt eine Teile-und-herrsche-Politik. Die Menschen werden gegeneinander ausgespielt. Sie haben nur die Möglichkeit, in einer größeren Anzahl das System zu ändern. Wenn sie aber gegeneinander aufgehetzt sind bzw. der Meinung sind, nur ihr Weg wäre der Alleinig-Richtige, kommt die benötigte Anzahl für eine Systemveränderung nur schwer zustande. Wenn Menschen durch Angebote überhäuft werden, sind sie vollauf beschäftigt, sich darin zurechtzufinden. Auch deshalb haben sie nur wenig Zeit, sich mit besseren Möglichkeiten zu beschäftigen. Wenn sie ständig mitbekommen, was alles schlecht ist, entsteht leicht der Eindruck, dass es sowieso keinen Sinn hat, nach besseren Möglichkeiten zu suchen. Deren schlechten Seiten wären nur noch nicht bekannt. Oder sie stürzen sich auf eine angeblich bessere Möglichkeit. Und um nicht wieder verunsichert zu werden, ignorieren sie die Kritik daran. Die wirklich besseren Möglichkeiten werden ja in der veröffentlichten Meinung am meisten verunglimpft: Wer eine bessere Gesellschaft will, ist angeblich für Diktatur, Zwang, Gulag, allgemeinen Mangel, Unfreiheit, Uniformität, Gleichschaltung usw. Das schreckt viele ab, ernsthaft danach zu streben, selbst wenn sie die Kritik am gegenwärtigen Zustand teilen. Viele wollen somit nur kleine Verbesserungen, selbst wenn diese langfristig zu Verschlechterungen führen, insbesondere das gegenwärtige zerstörerische System festigen. Und grundsätzlichere Lösungsmöglichkeiten lehnen sie ab, weil sie nicht erkennen, welche Vorteile dies auch für sie bringt, eher Einschränkungen für sich befürchten und von der veröffentlichten Meinung geprägt sind. Und viele Personen handeln eher aus dem Bauchgefühl heraus. Das ist zuerst nicht schlecht, weil sie da schneller Entscheidungen treffen können, ohne groß nachzudenken. Wenn das Bauchgefühl aber hauptsächlich vom gegenwärtigen System geprägt ist, handeln viele Personen entsprechend, selbst wenn sie es eigentlich besser wissen.

Wenn all dies richtig ist, wäre es somit wichtig, soziale Beziehungen auch über die eigene soziale Gruppe hinaus aufzubauen und sich gegenseitig zu unterstützen. Es ist weiterhin wichtig, sich auszutauschen, was am gegenwärtigen System stört und was gemeinsam verändert wird. Alle kleinen Schritte hin zu einer Überwindung des einkommens-, speziell gewinnorientierten, zerstörerischen Systems zählen. Wir können uns gegenseitig ermutigen, diesen Weg zu gehen und uns gegenseitig darin zu bestärken und dies uns miteinander ermöglichen. So können wir auch den Frust abbauen und die Vorteile des solidarischen Handelns erleben. Wichtig sind eine entsprechende Ressourcenumverteilung und die damit verbundene Änderung der wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, um auch anderen diesen Weg zu vereinfachen. So können wir schrittweise gemeinsam erkennen, was gut für uns alle ist und entsprechend handeln.


 

Letzte Änderung am Mittwoch, 15 November 2017 15:42

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